Der Krieg der Zellen

Es war einmal eine Zeit, in der alle Zellen friedlich und in guter Ordnung kooperativ zusammengearbeitet haben. Jede Zelle wusste, was ihre Aufgabe ist. Keine von ihnen zweifelte daran, dass sie Teil eines großen Ganzen war.

Nach einiger Zeit der vollkommenen Harmonie und Glückseligkeit kam Streit auf. Man weiß gar nicht mehr genau, welche Zelle die erste gewesen ist, in der Unmut aufkam. Möglicherweise hat es sich ungefähr so abgespielt. Es kann aber auch sein, dass es eine andere Zelle gewesen ist, die angefangen hat. Für den weiteren Verlauf der Geschichte ist das gar nicht von Relevanz.

Eine Darmzelle entwickelte eines Tages die Idee, dass es ungerecht ist, dass sie eine Darmzelle ist und für den Abtransport des ganzen Dreckes zuständig ist. Sie wäre viel lieber eine Hautzelle, die darf so viel Schönes erblicken und sie weiß, wie angenehm es sich anfühlt, wenn sie von einem warmen Sonnenstrahl berührt wird. Viel lieber wäre sie auch eine Tastzelle. Die darf andere berühren. Noch lieber wäre sie eine Gehirnzelle. Die hat angeblich so viel Wichtiges beizutragen, obwohl sie doch eigentlich gar nicht wirklich mehr weiß als die anderen Zellen. Am allerliebsten aber wäre sie eine Herzzelle. Die Herzzelle, die gibt im Sinusknoten den wichtigsten Ton an. Die Herzzelle, die hat es gut. Sie kennt alle Wege und kann Liebe empfinden.

Wann immer die Darmzelle die Gelegenheit hatte, ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen, äußerte sie ihn. Aber niemand wollte ihr zuhören. Meistens wurde sie nicht mal wahrgenommen. Und so begann sie immer mehr Unmut zu entwickeln. Sie suchte Verbündete. Streute Intrigen, erzählte Unwahrheiten.

Nach und nach kamen immer mehr Zellen dazu, jede dachte sie wäre im Recht und der Streit entwickelte sich zu einem richtigen Krieg, der das ganze Territorium vergiftete.

Allen ging es immer schlechter. Die Stimmung war am Boden. Niemand vertraute mehr dem anderen und es regierten Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Das ganze System drohte zu kollabieren. Was konnte man tun? Wie war der drohende Tod des ganzen Zellverbundes noch aufzuhalten?

Da hatte eine kleine gerade erst geborene Jungzelle, die sehr viel kreatives Potenzial in sich trug, die Idee man könnte doch eine gemeinsame Reise in die Mitte des Herzens machen. Das war gar nicht mehr so leicht dorthin zu gelangen, da das Herz mit seinen Herzzellen eine dicke Mauer um sich errichtet hatte, um sich vor Gewalt und Verletzungen durch die anderen Zellen zu schützen. Aber man sagt, wenn es einem gelingt hinter diese Mauer zu gelangen, dann findet man dort eine sehr alte weise Zelle, vielleicht hat die eine Idee, was helfen könnte, um wieder Frieden und Balance im Reich der Zellen herzustellen.

Ein paar andere Zellen, die mit ihrem Latein mittlerweile auch schon ganz am Ende waren, dachten sich, was solls warum nicht versuchen und boten der Jungzelle ihre Unterstützung an. Eine alte und erfahrene Lymphzelle sagte ich habe eine Idee, wie wir es schaffen hinter die Mauer zu gelangen. Es gibt da einen dünnen feinstofflichen Weg, der es uns ermöglichen wird. Allerdings ist es dafür notwendig die eigene Vorstellung über die materielle Gestalt hinter sich zu lassen und auf einer Ebene von Frequenz zu wandeln. Die anderen Zellen fanden die Vorstellung von immateriellem Wandeln irgendwie absurd und gespenstisch, aber sie waren doch sehr neugierig und sie wollten unbedingt gemeinsam den Weg zur weisen Herzzelle antreten.

In den folgenden Wochen und Monaten übte die Lymphzelle ganz intensiv mit den anderen Zellen die neue Sichtweise auf das eigene Sein und obwohl es immer wieder Rückschritte und Tage voll von Niederlagen gab, ließen sie sich als Team nicht entmutigen und spendeten einander Trost und Mut. Sie gaben nicht auf. Egal wie weit und mühselig der Weg zum Ziel auch schien.

Eines warmen Frühlingstages war es endlich so weit. Die Lymphzelle war zuversichtlich, dass nun das ganze Zell-Team bereit war die gemeinsame Reise zur weisen Herzzelle anzutreten.

Alle waren hochkonzentriert, keine tanzte aus der Reihe, da sie wussten, dass das kleinste Ausscheren einer Zelle die ganze Mission zum Scheitern bringen konnte.

Sie richteten alle ihre Energie auf die gemeinsame Wandlungsfrequenz aus und siehe da es funktionierte. Wie in Trance wanderten sie durch das Körperhaus und landeten schließlich alle wohlbehalten in der Mitte des Herzens. Dort war es sehr dunkel, sie konnten nichts sehen und bekamen irgendwie Angst. Sie riefen laut, ob denn hier irgendjemand wäre, der ein wenig Licht hereinbringen könnte. Aber es blieb still und nachtschwarz. Die Temperatur fühlte sich eisig an.

Um nicht in Panik zu geraten, begannen sie sich eng aneinander zu kuscheln und einander Geschichten zu erzählen. Geschichten aus der Vergangenheit als noch alles gut gewesen war im Reich der Zellen, als sie alle noch eine Einheit waren und miteinander kooperiert hatten. Darum wussten, dass der Beitrag jeder einzelnen Zelle gleich viel wert ist und die Gemeinschaft ausmacht, was sie sind. Sie erinnerten sich an alle Geschichten ihrer Vorfahren, die spannenden Abenteuergeschichten, die magischen Geistergeschichten und die leidenschaftlichen und romantischen Liebesgeschichten. Sie erzählten unaufhörlich, Stunden über Stunden und es war ihnen weder bange noch langweilig. Sie waren überglücklich und fühlten sich hier geborgen und beseelt.

Sie waren so sehr in ihre Erzählungen vertieft, dass sie gar nicht wahrgenommen hatten, dass es in der Herzkammer mittlerweile gar nicht mehr dunkel war. Die ganze Kammer strahlte in einem hellen warmen Licht und dieses Licht breitete sich über das ganze Zellenreich aus.

Die alte weise Herzzelle hatte sich schon seit längerem unbemerkt zu ihnen gesellt. Sie war erleichtert und überglücklich über den Besuch, da sie bereits unzählig viele Jahre allein hier im Dunkeln verbracht und darauf gewartet hatte, dass sich die Prophezeiung der alten Weisen endlich erfüllen würde.

„Wenn die Nacht am dunkelsten ist, wird eine kleine Jungzelle, noch ganz vom göttlichen Licht erfüllt ihren Weg zu Dir finden und das Licht zurückbringen und alle Zellen werden sich wieder daran erinnern, wer sie sind und warum sie sind.“

VM, März 2025