Das bin ich.
Zerrissen in tausend Einzelteile, die ich jeden Tag aufs Neue versuche zusammenzusetzen.
Jeden Morgen beginne ich damit ein neues Muster zu zeichnen.
Am späten Nachmittag beginne ich das Muster wieder aufzulösen.
Manchmal sanft und träumerisch.
An anderen Tagen brutal und mit aller Gewalt.
Dann liegt er wieder vor mir. Der leere Raum. Die tausend Einzelteile daneben. Ein buntes Meer an Potenzialität. Bereit ein neues Muster zu bilden.
Es gibt Tage, da habe ich die Lust am Zeichnen verloren. Ich sitze nur da und starre auf die vielen bunten Einzelteile, die ich mein Leben nennen darf. Manchmal packt mich die Sehnsucht nach vergangenen Tagen und ich versuche ein altes Muster aus meinem Gedächtnis wieder nachzuzeichnen. Doch das gelingt nicht. Keine einzige meiner Vielzahl an Zeichnungen lässt sich noch einmal nachzeichnen. Da oder dort ein Fragment, aber kein gesamtes Bild.
Ich beneide all die Menschen, die ein einheitliches, ein stimmiges Bild gezeichnet haben. Es bleibt beständig und wird jeden Tag mit ein paar gekonnten Strichen perfektioniert. Zumindest aus meiner Außensicht erscheint es so. Keiner kennt die Zeichnung des anderen aus der Innensicht ihrer Schöpfer. Niemand weiß, wie sie zu ihrer eigenen Schöpfung, dem Kunstwerk ihres individuellen Lebens stehen.
Doch auch wenn ich selbst mein eigenes Kunstwerk jeden Tag aufs Neue wieder in seine 1000 Teile zerlege, so gibt es mich doch beständig. Ich bin Teil der stabilen Kunstwerke anderer Leben. Ich habe keine Ahnung, welchen Platz ich dort einnehme. Welche Farbe mein Mosaikstein hat. Wo ich positioniert bin. Das macht mir Angst. So versuche ich auch dort meinen Platz zu vernichten. Möchte Kontrolle über jeden Mosaikstein, der einen Teil von mir darstellen soll. Dort wo es oberflächlich bleibt, lässt sich mein Mosaikstein leicht entfernen. Dort wo es in die Tiefe geht, bleibt er bestehen, vielleicht ein wenig zerkratzt, an den Rand gerückt und in anderer Farbe. Aber er bleibt im Kunstwerk. Und obwohl mir auch das Angst macht, so bin ich doch unheimlich dankbar, dass ein Teil von mir irgendwo da draußen weiterhin existiert.
VM, Juni 2023